Welchen Status genießt eigentlich das Bildungssystem in Japan? Als eines der weltweit führenden Industrieländer muss sich Japan auf die Qualität seines Bildungssystems verlassen können, um qualifizierte Fachkräfte auszubilden und eine aufgeklärte Gesellschaft zu schaffen. Bildung, auf Japanisch kyōiku (教育) genannt, genießt in Japan daher einen hohen Stellenwert.

In diesem Artikel gehen wir dem Bildungswesen in Japan genauer auf den Grund, um herauszufinden, wie es funktioniert. Denn während es durchaus Parallelen zu den Bildungssystemen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt, existieren auch viele Unterschiede zwischen Japan und diesen Ländern.

Japanische Schulsystem

Aufbau des Schulsystems

Zunächst einmal lohnt ein Blick auf die folgende Grafik des Ministeriums für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (kurz: MEXT). Darauf lässt sich ein guter erster Überblick über die Struktur des Bildungssystems in Japan erhalten.

Wie die Grafik zeigt, besteht das japanische Schulsystem im Kern aus einem 6-3-3-4-System. Das bedeutet, dass man dort üblicherweise sechs Jahre zur Grundschule – shōgakkō (小学校)–, drei Jahre zur Mittelschule – chūgakkō (中学校)–, drei Jahre zur Oberschule – kōkō (高校)– und vier Jahre zur Universität – daigaku (大学)– geht. Die Schulpflicht in Japan erstreckt sich über die Grund- und Mittelschule. Doch obwohl die Schulpflicht mit dem Beenden der Mittelschule endet, besuchen über 95% der Schüler danach eine weiterführende Schulform.

Die Gestaltung des Bildungssystems ist in Japan keine Ländersache wie in Deutschland oder je nach Kanton unterschiedlich geregelt wie in der Schweiz, sondern obliegt dort dem bereits genannten MEXT. Dieses steuert unter anderem die Auswahl von Lehrbüchern, gestaltet die Lehrpläne und gibt Vorgaben für die Zusammensetzung der Klassen. Dies ist vergleichbar mit dem System in Österreich. Durch diese zentral erstellten Vorgaben findet man in den einzelnen Präfekturen Japans kaum Unterschiede in den Schulformen, während diese sich in Deutschland zwischen den verschiedenen Bundesländern unterscheiden können.

Japanische Kinder in Schuluniform

Aufnahmeprüfungen und Vorbereitungsschulen

Um an einer Oberschule oder eine Universität (bei einigen privaten Schulträgern gilt dies auch schon für frühere Schulformen) aufgenommen zu werden, müssen japanische Schüler in den allermeisten Fällen eine Aufnahmeprüfung bestehen. Dies ist ein deutlicher Unterschied zum deutschen System, wo erhaltene Abschlusszeugnisse zum Übergang in die nächsthöhere Bildungsinstitution berechtigen. Diese Aufnahmeprüfungen unterscheiden sich abhängig vom Prestige der Institution, in die man aufgenommen werden möchte, im Schwierigkeitsgrad erheblich und erfordern ein hohes zusätzliches Lernpensum von den Schülern. Um die Erfolgschancen für das Bestehen der Prüfungen zu erhöhen, besuchen viele Schüler in ihrer Freizeit private Vorbereitungsschulen, sogenannte juku (塾) und yobikō (予備校). Die Kosten für diese Schulen sind nicht gering, jedoch sind diese so gefragt, dass der Markt dafür konstant wächst.

Schule und Freizeit

Neben den Vorbereitungsschulen besuchen fast alle Schüler in Japan die Nachmittagsangebote ihrer Schulen. Diese sogenannten Clubs bieten alle möglichen Arten von Betätigungsfeldern, in denen die Schüler ihren Interessen nachgehen können, von Sport über Musik bis Kunst. Damit ist allerdings auch eine Verpflichtung verbunden, die zeitintensiven Clubs auch regelmäßig zu besuchen. Dies führt dazu, dass Schüler in Japan, im Vergleich mit deutschen Schülern, eher weniger Freizeit haben, über die sie frei verfügen können. Das soziale Leben findet in der Schule, in den Clubs und in den Vorbereitungsschulen statt. Die Schüler treffen ihre Freunde dann dort, anstatt sich zu Hause mit ihnen zu treffen.

An den Universitäten lockert sich dieses System dann wieder etwas. Mit der Aufnahme in die Universität sind die Aufnahmeprüfungen bestanden und es bieten sich den Studierenden mehr Möglichkeiten, ihre Freizeit selbst zu gestalten. Zwar existieren auch an Universitäten Clubs, doch wird eine Teilnahme daran weniger erwartet als noch zur Schulzeit. Daher bieten sich Studierenden in Japan – wie auch in Deutschland – an den Universitäten mehr Freiheiten.

Japanische Jungs spielen Tennis

Schulalltag

Zum Schluss sollen natürlich noch ein paar Besonderheiten des Bildungssystems in Japan nicht unerwähnt bleiben:

  1. Das japanische Schuljahr beginnt im Unterschied zu Deutschland im April. Einige Universitäten beginnen damit, dies zu verändern, um einen einfacheren Austausch von Studierenden internationaler Universitäten zu ermöglichen, aber dieser Prozess wird voraussichtlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
  2. In der Mehrzahl der japanischen Schulen werden noch Schuluniformen getragen – übrigens im 19. Jahrhundert ursprünglich von deutschen Schuluniformen inspiriert. Auch außerhalb der Schule tragen viele Schüler diese noch und es ist wichtig, in der Uniform kein schlechtes Bild auf die eigene Schule zu werfen.
  3. Im Klassenraum ist der Lehrer die primäre Wissensquelle, sodass der Unterrichtsstil aus deutscher Perspektive eher frontal wirkt.

Das war es auch schon. Wir hoffen, dass du einen guten ersten Eindruck vom Bildungssystem in Japan erhalten hast! Wenn du zusätzlich noch weitere Vergleiche mit den Schulsystemen in Österreich und der Schweiz kennst, kannst du uns diese auch sehr gerne an die Adresse info@gogonihon.com schreiben. Wir freuen uns über deinen Input!