So funktioniert das Bildungssystem in Japan

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Bildung ist einer der wichtigsten Bestandteile des Lebens für Menschen auf der ganzen Welt. Jedes Land hat seine eigenen Methoden, Kinder zu unterrichten und zu erziehen, und das Bildungssystem in Japan ist da nicht anders.

Ich habe vier Jahre lang in der Bildungsbehörde von Nishinoomote City gearbeitet, was mir die Gelegenheit gab, einen Einblick in das Bildungssystem zu erhalten. Es war eine faszinierende Erfahrung, diese ganz andere – und gleichermaßen bewundernswerte – Art Kinder zu erziehen kennenzulernen, während sie zu jungen Erwachsenen heranwachsen.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich hauptsächlich mit Grund- und Mittelschülern gearbeitet habe, die noch nicht mit dem anspruchsvollen Prüfungssystem der Oberstufe oder Universität konfrontiert sind. Lass uns doch mal einen genaueren Blick auf das Bildungssystem in Japan werfen.

Aufbau des Schulsystems

Die allgemeine Schulbildung setzt sich aus fünf Etappen zusammen:

  • Yōchien (幼稚園, Kindergarten) von 3 bis 6 Jahren.
  • Shōgakkō (小学, Grundschule) von 6 bis 12.
  • Chūgakkō (中学, Mittelstufe) von 12 bis 15.
  • Kōkō (高校, Oberstufe) von 15 bis 18.
  • Daigaku (大学, Universität) oder Senmongakkō (専 門 学校, Berufsschule) mit einer Dauer von 2 bis 4 Jahren.

In Deutschland hingegen gestaltet sich das Bildungssystem meist wie folgt:

  • Kindergarten (2-5 Jahre alt)
  • Vorschule (5-6 Jahre alt)
  • Grundschule (4-6 Jahre je nach Bundesland)
  • Mittelstufe (4-6 Jahre je nach Bundesland)
  • Oberstufe (2 Jahre)
  • Berufsausbildung (2-3 Jahre) oder Universität (3-4 Jahre für einen Bachelor)

Der Hauptunterschied, den ich zwischen japanischen und deutschen Grundschulen interessant fand, war die stärkere Betonung der Moral- und Ethikerziehung in Japan. Standardfächer wie Mathematik, Naturwissenschaften, Musik und Sport werden selbstverständlich unterrichtet. Aber Moral ist ein separates Fach, komplett mit Lehrbuch und entsprechenden Unterrichtsstunden. Es geht weniger darum, Kindern zu sagen, was sie tun oder nicht tun sollen, sondern vielmehr darum, die Diskussion über moralische Dilemmata zu erleichtern. Darüber hinaus wird untersucht, wie die Schüler auf bestimmte Situationen reagieren würden. Es gab nie falsche oder richtige Antworten, nur Zeit, über die schwarzen, weißen und grauen Aspekte einer Situation zu sprechen – genau wie im wirklichen Leben.

Bis zum 15. Lebensjahr besteht in Japan Schulpflicht. Allerdings schreiben sich 99 % der Mittelschulabsolventen an der High School ein, um anschließend Chancen auf ein Studium an der Uni zu haben. Diejenigen, die an öffentlichen Schulen eingeschrieben sind (bis chūgakkō), zahlen keine Anmelde- oder Schulmaterialgebühren. Familien tragen Nebenkosten wie Verpflegung und Klassenfahrten.

Prüfungen

Prüfungen – insbesondere Aufnahmeprüfungen – sind in Japan eine eigene Welt. Schüler, die in Junior High Schools, High Schools oder Universitäten aufsteigen möchten, müssen zermürbende Aufnahmeprüfungen bestehen. Diese sind so stressig, dass sie es ein eigenes Wort hierfür gibt, welches wortwörtlich übersetzt „Prüfungshölle“ (shiken jigoku, 試験地獄) heißen würde. Diese Prüfungen erfordern eine endlose Anzahl schlafloser Nächte zum Lernen. Schüler sitzen oft nach dem regulären Unterricht in Nachhilfeschulen und versuchen, sich für die Prüfungen vorzubereiten. Einige Schüler fangen bereits Jahre vor der eigentlichen Prüfung an für diese zu lernen, um sich somit die Chancen  auf Annahme bei der Wunschschule zu verbessern.

Einen Platz an einer bestimmten Uni zu bekommen, ist ebenfalls schwierig. Die Auswahlkriterien sind oft so hoch angesetzt, dass nur etwa 56 % der Prüflinge den ersten Versuch bestehen. Diejenigen, die durchfallen, werden Ronin (Samurai ohne Meister, 浪人) genannt. Sie müssen anschließend ein ganzes Jahr alleine lernen, um sich auf die Prüfung im nächsten Jahr vorzubereiten.

Die Dinge ändern sich jedoch ein wenig. Der Einfluss von ausländischen Unternehmen und Menschen mit anderen Kulturen in Japan macht sich auch beim Bildungssystem bemerkbar. In der westlichen Kultur wird mehr Wert auf Fähigkeiten, Erfahrung und Persönlichkeit gelegt als auf namenhafte Schulen oder Universitäten.

Das typische Schulleben

Der Schulalltag lässt wenig Freizeit. Die Schüler besuchen die Schule von Montag bis Freitag, mit zusätzlichen halben Schultagen an jedem zweiten Samstag. Darüber hinaus besuchen viele Schüler die Juku (Nachhilfeschule/Nachschulunterricht, 塾), um für Aufnahmeprüfungen zu lernen oder bestimmte Fächer wie Englisch besser zu beherrschen. Diejenigen, die kein Juku besuchen, nehmen an außerschulischen Clubs und Aktivitäten wie Baseball, Volleyball, Kendo oder einer Reihe von Sportarten teil.

In japanischen Schulen gibt es keine Hausmeister. Die Schüler müssen in Gruppen abwechselnd unterschiedliche Bereiche der Schule reinigen und aufräumen. Manche wischen die Böden, manche wischen die Tafeln, manche fegen und wieder andere jäten die Gärten. Das fördert natürlich auch das Teambuilding und Schüler entwickeln schneller Verantwortungsbewusstsein und geben besser Acht auf die Einrichtungen der Schule .

Dann gibt es natürlich auch diverse größere Feste! Von Sportfesten, Kulturfesten und Ausstellungen bis hin zu Theaterstücken und Gesangsfesten. Für all diese Feste müssen Schüler normalerweise ihre Freizeit für die Vorbereitung opfern und nach der regulären Schulzeit Zeit dafür bereitstellen.

Gakureki Shakai

Kein Wunder, dass das Bildungssystem in Japan weltweit als eines der besten gilt. Neben Akademikern versuchen Schulen auch, den Jugendlichen Moral beizubringen, um abgerundete, gute Menschen zu erziehen. Während meiner Arbeit im Schulsystem sah ich viele Dinge, die ich mir wünschte, sie könnten in das deutsche Schulsystem implementiert werden.

Doch nicht alles ist perfekt. Japan verfügt über ein solides Bildungssystem, aber der Fokus auf Schule und Prüfungen hat auch unerfreuliche Nebenwirkungen. Dies ist als Gakureki Shakai (学歴社会) bekannt. Der Wettbewerb zwischen Schülern um die Zulassung an High Schools und Universitäten ist so groß, dass Kinder manchmal einen Großteil ihrer Zeit mit Lernen verbringen, um auf die richtige Schule zu gelangen. Manchmal brechen Schüler zusammen, erleiden Burn-Outs und entwickeln geistige Gesundheitsprobleme. Einige werden gemobbt, weil sie nicht in gute Schulen kommen. Manche ziehen sich sogar aus der Gesellschaft zurück, weil sie geistig zu überfordert sind, um sich den Hürden des Lebens und der Bildung zu stellen. Heutzutage wird jedoch mehr getan, um ein Schulsystem zu schaffen, das die Schüler weniger unter Druck setzt.

Für weitere Informationen über die japanische Kultur folge unserem Go! Go! Nihon-Blog und lies dir unseren Artikel über den japanischen Rucksack Randoseru durch.

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