Es ist weitläufig bekannt, dass Menschen in Japan ein Talent dafür haben immer und überall schlafen zu können. Unterwegs im Zug kommt man sich eher vor wie im Schlafwagen als auf dem Weg zur Arbeit. Doch ist dieser Mythos wirklich wahr? Wir haben uns das mal etwas genauer angeschaut.

Japanese sleeping on a train

Die Schlafkultur in Japan

Man steigt am Bahnhof Shinjuku in den Zug und schaut sich um. Viele Japaner starren auf ihre Handybildschirme, ein paar lesen in Büchern und der Rest schläft. Dies ist eine ganz alltägliche Szene in Japan. Man kann es nur zu gute heißen, dass die Kriminalitätsrate hier recht gering ist. In Europa oder Amerika hätten die Smartphones in den Händen der Schlafenden schon längst den Besitzer gewechselt. In Japan wird einem das Handy sogar noch aufgehoben und zurück gelegt, wenn man es im Tiefschlaf herunterfallen lässt. Das erklärt eventuell auch, warum viele Japaner ein Smartphone mit zerbrochenem Display haben.

Bewundernswert ist es zudem, dass die Japaner wohl einen siebten Sinn dafür haben, genau an ihrem Bahnhof aufzuwachen. Gerade eben noch im Land der Träume, schon springen sie aus dem Waggon heraus noch bevor sich die Türen wieder schließen. Es scheint zu einer täglichen Routine geworden zu sein, weshalb der Körper genau im richtigen Moment das Signal zum Erwachen gibt. Oder man erkennt einfach nur die Melodie des Bahnhofes im Unterbewusstsein. Wer weiß.

Allerdings, auch wenn es so aussieht, nicht alle Menschen, die im Zug in Japan die Augen zu haben, schlafen tatsächlich. Teilweise wird damit versucht die Außenwelt auszublenden und eine Art Privatsphäre zu schaffen. Denn diese ist vor allem während der Rushhour am Morgen und am Abend nicht vorhanden, wenn alle in den Waggons wie in einer Sardinendose eingepfercht sind.

Japanese salaryman sleeping on a train

Hintergründe dieses Schlaftrends

Aber gönnen wir den Japanern ihren Schlaf, denn dieser fehlt ihnen oft in der Nacht. Laut einer Studie der Regierung aus dem Jahr 2015 schlafen 39,5 Prozent der Erwachsenen in Japan weniger als sechs Stunden pro Nacht. Das ist bei den langen Arbeitszeiten und oft weiten Wegen zur Arbeit kein Wunder. Nicht selten kommen Geschäftsmänner erst gegen 10 Uhr abends nach Hause und müssen am nächsten Tag schon wieder früh im Büro sein. Schlaf wird dabei überbewertet.

Die Menschen in Japan schlafen aber nicht nur im Zug. Auch während des Unterrichts in der Schule oder Universität ist das normal. Wenn ich mich manchmal mit japanischen Austauschstudenten unterhalte, wird mir das immer wieder bestätigt. Und selbst in Manga und Anime kommen solche Szenen immer wieder vor. Es ist also auch im realen Leben so und das zieht sich teilweise bis in die Arbeitswelt und sogar ins japanische Parlament weiter fort.

Das Nickerchen to-go in Japan

Für das Schlafen in der Öffentlichkeit gibt es übrigens einen eigenen Begriff. Inemuri (居眠り, いねむり) heißt das Zauberwort, welches sich aus dem Schriftzeichen für anwesend sein (居 る, いる) und dem Wort für Schlaf (眠り, ねむり) zusammensetzt. Diese kurzen Nickerchen sind, anders als in westlichen Kreisen, in der japanischen Öffentlichkeit anerkannt, zeigen sie doch, dass derjenige viel gearbeitet oder gelernt hat und deshalb jetzt in diesem Moment erschöpft ist und erst einmal neue Energie tanken muss.

Brigitte Steger, eine Wiener Japanologin, hat diesem Thema ein Buch gewidmet, welches bereits 2007 erschien. Ob sich so ein Schlafverhalten wohl auch in Deutschland, Österreich oder der Schweiz durchsetzen könnte, bleibt aber fraglich.